erschienen im Konradsblatt Nummer 10 am 11.3.2007 :

 
  Der steigende Anteil von Älteren in der Bevölkerung rückt zunehmend diejenigen in den Vordergrund, die in Heimen leben. Am Beispiel einer Baden-Badener Gemeindeassistentin zeigt das Konradsblatt die Herausforderung, die dies für die Seelsorge bedeutet.

Von Bernhard Kraus
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Nach ihrer Ausbildung kommt Ute Wick als Gemeindeassistentin in die Seelsorge einheit Baden-Baden Mitte. Schnell merkt sie, dass hier nicht nur ihre guten Ideen für die Jugendarbeit und den Religionsunterricht gefragt sind. "Allein auf dem Gebiet der Seelsorgeeinheit befinden sich 17 Alten- und ,Pflegeheime", stellt sie fest - das ist sicherlich Rekord in der Erzdiözese Freiburg.

In der Tat, Baden-Baden ist die Seniorenhochburg Deutschlands. Hier haben knapp zwölf Prozent der Einwohner ihren 75. Geburtstag bereits gefeiert - so viele, wie in keiner anderen Stadt im Land, wo der Durchschnittswert bei acht Prozent liegt.

In Baden-Baden wird somit Zukunftsmusik gespielt - denn die Bevölkerungsentwicklung wird bald dazu führen, dass auch in anderen Orten Baden-Badener Verhältnisse herrschen.

Der Geist des Glaubens, der in dem Haus spürbar ist

Schnell ist für Ute Wick klar: Ein Schwerpunkt der Pastoral liegt in der seelsorglichen Begleitung von Menschen, die in Heimen leben. Berührungsängste hat sie keine, als Aushilfskraft in der Pflege hatte sie schon früher Erfahrungen in einem Heim gesammelt.
Schon den Einzug ins Heim erlebt sie oft als Überforderung: "Zwei über 80-jährige Frauen, die ich begleite, haben sich schon vor Jahren über Pflegeheime informiert und diese besichtigt. Es ist eher selten, dass Menschen sich in Zeiten, in denen sie noch bei Kräften sind, nach einem Heimplatz für ihren Lebensabend umsehen. Die Regel ist zunehmend, dass Angehörige einen Heimplatz erst aus der Not heraus, unter Druck, wenn es nicht mehr anders geht, aussuchen und annehmen müssen. Mit der betroffimen Person können keine oder nur wenig Absprachen getroffen werden. Dieses Schicksal macht alle Beteiligten sehr betroffen. Unvorbereitet muss ein Mensch in einem kleinen Zimmer leben, dieses oftmals mit einem fremden Menschen teilen. Alles ist neu und fremd."

Auch Angehörige kommen mit dieser Situation nur schwer zu recht. Fast immer nehmen sie
sich fest vor, ins Heim engen Kontakt zu halten, aber tatsächlich werden ihre Besuche immer seltener, viele von ihnen wohnen auch weit entfernt.

Ute Wick ist auch im Vincentiushaus tätig, das von der Gesamtkirchengemeinde getragen wird. Auf die Frage nach der Seelsorge in diesem Haus, nennt sie zuerst "den Geist des Glaubens, der in der gesamten Atmosphäre innerhalb des Hauses spürbar ist" und der der Heimleitung ein großes Anliegen ist. Dabei ist es wichtig, den einzelnen Bewohnern gerecht zu werden, die grob in drei Gruppen eingeteilt werden können, die unterschiedliche Formen der Hilfe und Begleitung brauchen: die schwer körperlich pflegebedürftigen, die demenziell erkrankten und die vereinsamten alten Menschen.

Der Kindergarten liegt direkt neben dem Heim

Im Vmcentiushaus gibt es viele seelsorgliche Selbstverständlichkeiten, die sich gut eingespielt haben: "In der Hauskapelle kommen Menschen wöchentlich zusammen zum Gottesdienstfeiern. Im Anschluss daran besteht die Möglichkeit in der angrenzenden Cafeteria Agape zu halten. Nach dem Tod eines Bewohners wird ein entsprechendes Gedenkblatt an dessen Tür geheftet. Die Heim1eitung und die zuständige Pflegekraft nehmen an der Beerdigung teil. Den Angehörigen wird in einem Brief die Anteilnahme des Heimes ausgesprochen." Von Bewohnern und im Heim Tätigen wird zum Thema "Seelsorge" immer wieder der Wunsch geäußert: Wie gut wäre es, wenn jemand da wäre, der Zeit hat, sich den Einzelnen zu widmen.

Schon lange wurden viele Brücken zwischen der Seelsorgeeinheit und dem Pflegeheim aufgebaut. Ute Wick ist wichtig, dass diese Brücken in beide Richtungen begangen werden: "Die Menschen, die im Heim leben, sind nicht nur die Hilfsbedürftigen. Sie sind durch ihr Lebens- und Glaubenszeugnis auch ein Schatz für unsere Seelsorgeeinheit. Auch im hohen Alter haben Menschen Begabungen und Fähigkeiten. Viele von ihnen zeigen, wie man auch mit massiven Einschränkungen zufrieden und gelassen leben kann. "Wenn sich viele Menschen ehrenamtlich im Heim engagieren, können sich die Bewohner als Teil der Gemeinschaft fühlen. Die Begleitung, Unterstützung und Förderung der Ehrenamtlichen ist eine wichtige Aufgabe des Pastoralteams.

In Baden-Baden gibt es eine erstaunlich lange Liste von gelungenen Brückenschlägen: Zu den Gottesdiensten im Heim werden die Bewohner im Zimmer von Ehrenamtlichen abgeholt, andere sind bei der Gestaltung mitbeteiligt, bettlägerige Bewohner bekommen die Kommunion gebracht; in den Fürbitten im Gemeindegottesdienst wird der Verstorbenen im Heim besonders gedacht; zweimal jährlich wird feierlich das Sakrament der Krankensalbung gespendet; jede Woche trifft sich eine Gruppe von Frauen zum Rosenkranzgebet im Heim, einige Bewohner nehmen gerne daran teil; andere feste Termine sind die Vorlesestunden und Spielnachmittage; einige Frauen helfen regelmäßig beim Essen reichen; andere überreichen an Geburtstagen vom Kindergarten individuell gestaltete Glückwunschkarten, die vom Leiter der Seelsorgeeinheit, Pfarrer Thomas Maier, unterzeichnet sind.

Da der Kindergarten direkt neben dem Heim liegt, können die Bewohner den Kindern beim
Spielen im Garten zuschauen und immer wieder machen Kinder Besuche im Heim. Die Erstkommunikanten bringen allen Bewohnern nach dem Palmsonntag selbst gebundene Palmsträußchen. Viele Gruppen und Gremien der Seelsorgeeinheit treffen sich in den Räumen des Heimes. Einen eigenen großen Bereich umfasst die Sterbe- und Trauerbegleitung durch Ehrenamtliche des Hospizdienstes.

Aber es gibt auch einige Ideen für die Zukunft, um die Zusammengehörigkeit von Heim und Gemeinde weiter zu verstärken. Ute Wick beschreibt die Idee, in der Stiftskirche einen "Ort des Erinnerns, des Trauerns und des Abschiednehmens" zu schaffen in Form einer Stele, in der die drei heiligen Öle aufbewahrt werden und auf der ein Taufbuch und ein Totenbuch liegen.

Freuden, Nöte und Sehnsüchte altgewordener Menschen

Andere Vorschläge sind die Aussendung von Kommunionhelfern in die Heime während des Gemeindegottesdienstes, ein Abholdienst mit dem Pfarreibus für noch mobile Heimbewohner zu Gemeindeveranstaltungen; ein Besinnungstag für in der Pflege Tätige; das digitale Aufnehmen von Gemeindegottesdiensten und die Wiedergabe im Heim. Wenn Ute Wick von solchen Ideen erzählt, wird die Vision von Gemeinden erahnbar, die dadurch lebendig und einladend für alle sind, dass sie die Freuden, Nöte und Sehnsüchte altgewordener Menschen als Herausforderung ernst nehmen.

 
 
 

 

 
 

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