| |
Der steigende Anteil von Älteren in
der Bevölkerung rückt zunehmend diejenigen in den Vordergrund, die in Heimen
leben. Am Beispiel einer Baden-Badener Gemeindeassistentin zeigt das
Konradsblatt die Herausforderung, die dies für die Seelsorge bedeutet.
Von Bernhard Kraus
_____________________________
Nach ihrer Ausbildung kommt Ute Wick als Gemeindeassistentin in die
Seelsorge einheit Baden-Baden Mitte. Schnell merkt sie, dass hier nicht nur
ihre guten Ideen für die Jugendarbeit und den Religionsunterricht gefragt
sind. "Allein auf dem Gebiet der Seelsorgeeinheit befinden sich 17 Alten-
und ,Pflegeheime", stellt sie fest - das ist sicherlich Rekord in der
Erzdiözese Freiburg.
In der Tat, Baden-Baden ist die Seniorenhochburg
Deutschlands. Hier haben knapp zwölf Prozent der Einwohner ihren 75.
Geburtstag bereits gefeiert - so viele, wie in keiner anderen Stadt im Land,
wo der Durchschnittswert bei acht Prozent liegt.
In Baden-Baden wird somit Zukunftsmusik gespielt -
denn die Bevölkerungsentwicklung wird bald dazu führen, dass auch in anderen
Orten Baden-Badener Verhältnisse herrschen.
Der Geist des Glaubens, der in dem Haus spürbar ist
Schnell ist für Ute Wick klar: Ein Schwerpunkt der
Pastoral liegt in der seelsorglichen Begleitung von Menschen, die in Heimen
leben. Berührungsängste hat sie keine, als Aushilfskraft in der Pflege hatte
sie schon früher Erfahrungen in einem Heim gesammelt.
Schon den Einzug ins Heim erlebt sie oft als Überforderung: "Zwei über
80-jährige Frauen, die ich begleite, haben sich schon vor Jahren über
Pflegeheime informiert und diese besichtigt. Es ist eher selten, dass
Menschen sich in Zeiten, in denen sie noch bei Kräften sind, nach einem
Heimplatz für ihren Lebensabend umsehen. Die Regel ist zunehmend, dass
Angehörige einen Heimplatz erst aus der Not heraus, unter Druck, wenn es
nicht mehr anders geht, aussuchen und annehmen müssen. Mit der betroffimen
Person können keine oder nur wenig Absprachen getroffen werden. Dieses
Schicksal macht alle Beteiligten sehr betroffen. Unvorbereitet muss ein
Mensch in einem kleinen Zimmer leben, dieses oftmals mit einem fremden
Menschen teilen. Alles ist neu und fremd."
Auch Angehörige kommen mit dieser Situation nur schwer
zu recht. Fast immer nehmen sie
sich fest vor, ins Heim engen Kontakt zu halten, aber tatsächlich werden
ihre Besuche immer seltener, viele von ihnen wohnen auch weit entfernt.
Ute Wick ist auch im Vincentiushaus tätig, das von der
Gesamtkirchengemeinde getragen wird. Auf die Frage nach der Seelsorge in
diesem Haus, nennt sie zuerst "den Geist des Glaubens, der in der gesamten
Atmosphäre innerhalb des Hauses spürbar ist" und der der Heimleitung ein
großes Anliegen ist. Dabei ist es wichtig, den einzelnen Bewohnern gerecht
zu werden, die grob in drei Gruppen eingeteilt werden können, die
unterschiedliche Formen der Hilfe und Begleitung brauchen: die schwer
körperlich pflegebedürftigen, die demenziell erkrankten und die vereinsamten
alten Menschen.
Der Kindergarten liegt direkt neben dem Heim
Im Vmcentiushaus gibt es viele seelsorgliche
Selbstverständlichkeiten, die sich gut eingespielt haben: "In der
Hauskapelle kommen Menschen wöchentlich zusammen zum Gottesdienstfeiern. Im
Anschluss daran besteht die Möglichkeit in der angrenzenden Cafeteria Agape
zu halten. Nach dem Tod eines Bewohners wird ein entsprechendes Gedenkblatt
an dessen Tür geheftet. Die Heim1eitung und die zuständige Pflegekraft
nehmen an der Beerdigung teil. Den Angehörigen wird in einem Brief die
Anteilnahme des Heimes ausgesprochen." Von Bewohnern und im Heim Tätigen
wird zum Thema "Seelsorge" immer wieder der Wunsch geäußert: Wie gut wäre
es, wenn jemand da wäre, der Zeit hat, sich den Einzelnen zu widmen.
Schon lange wurden viele Brücken zwischen der
Seelsorgeeinheit und dem Pflegeheim aufgebaut. Ute Wick ist wichtig, dass
diese Brücken in beide Richtungen begangen werden: "Die Menschen, die im
Heim leben, sind nicht nur die Hilfsbedürftigen. Sie sind durch ihr Lebens-
und Glaubenszeugnis auch ein Schatz für unsere Seelsorgeeinheit. Auch im
hohen Alter haben Menschen Begabungen und Fähigkeiten. Viele von ihnen
zeigen, wie man auch mit massiven Einschränkungen zufrieden und gelassen
leben kann. "Wenn sich viele Menschen ehrenamtlich im Heim engagieren,
können sich die Bewohner als Teil der Gemeinschaft fühlen. Die Begleitung,
Unterstützung und Förderung der Ehrenamtlichen ist eine wichtige Aufgabe des
Pastoralteams.
In Baden-Baden gibt es eine erstaunlich lange Liste von gelungenen
Brückenschlägen: Zu den Gottesdiensten im Heim werden die Bewohner im Zimmer
von Ehrenamtlichen abgeholt, andere sind bei der Gestaltung mitbeteiligt,
bettlägerige Bewohner bekommen die Kommunion gebracht; in den Fürbitten im
Gemeindegottesdienst wird der Verstorbenen im Heim besonders gedacht;
zweimal jährlich wird feierlich das Sakrament der Krankensalbung gespendet;
jede Woche trifft sich eine Gruppe von Frauen zum Rosenkranzgebet im Heim,
einige Bewohner nehmen gerne daran teil; andere feste Termine sind die
Vorlesestunden und Spielnachmittage; einige Frauen helfen regelmäßig beim
Essen reichen; andere überreichen an Geburtstagen vom Kindergarten
individuell gestaltete Glückwunschkarten, die vom Leiter der
Seelsorgeeinheit, Pfarrer Thomas Maier, unterzeichnet sind.
Da der Kindergarten direkt neben dem Heim liegt, können die Bewohner den
Kindern beim
Spielen im Garten zuschauen und immer wieder machen Kinder Besuche im Heim.
Die Erstkommunikanten bringen allen Bewohnern nach dem Palmsonntag selbst
gebundene Palmsträußchen. Viele Gruppen und Gremien der Seelsorgeeinheit
treffen sich in den Räumen des Heimes. Einen eigenen großen Bereich umfasst
die Sterbe- und Trauerbegleitung durch Ehrenamtliche des Hospizdienstes.
Aber es gibt auch einige Ideen für die Zukunft, um die Zusammengehörigkeit
von Heim und Gemeinde weiter zu verstärken. Ute Wick beschreibt die Idee, in
der Stiftskirche einen "Ort des Erinnerns, des Trauerns und des
Abschiednehmens" zu schaffen in Form einer Stele, in der die drei heiligen
Öle aufbewahrt werden und auf der ein Taufbuch und ein Totenbuch liegen.
Freuden, Nöte und Sehnsüchte altgewordener Menschen
Andere Vorschläge sind die Aussendung von Kommunionhelfern in die Heime
während des Gemeindegottesdienstes, ein Abholdienst mit dem Pfarreibus für
noch mobile Heimbewohner zu Gemeindeveranstaltungen; ein Besinnungstag für
in der Pflege Tätige; das digitale Aufnehmen von Gemeindegottesdiensten und
die Wiedergabe im Heim. Wenn Ute Wick von solchen Ideen erzählt, wird die
Vision von Gemeinden erahnbar, die dadurch lebendig und einladend für alle
sind, dass sie die Freuden, Nöte und Sehnsüchte altgewordener Menschen als
Herausforderung ernst nehmen.
|
|