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Die neue
Rohlf-Orgel in
der Stiftskirche
Die äußere wie innere Gestalt der neuen Rohlf-Orgel der
Stiftskirche zu Baden-Baden ist das Ergebnis eines
notwendigerweise aufwendigen, da äußerst gewissenhaft
geführten Meinungsbildungsprozesses, bei dem sich
künstlerische und pastorale Erwägungen folgerichtig, ja
fast zwingend ergänzten, ein für diese kirchenmusikalische
Problemstellung selbstverständlicher Ansatz.
Nicht die kulturellen Ambitionen einer Sommerhauptstadt
Europas, sondern einzig die kirchenmusikalischen
Notwendigkeiten einer Gottesdienst feiernden Gemeinde
waren für die Orgelgestalt ausschlaggebend. Nur so ist es
verständlich, daß die neue Orgel gegenüber der alten von
54 auf 31 Register reduziert wurde: das Gleichgewicht
zwischen Raum und Orgel, Anspruch und Realisierung stimmt
jetzt wieder.
Wie von selbst wurden dann die Beteiligten ermutigt, in
Werkaufstellung und Gehäuseproportion der
Johann-Andreas-Silbermann-Orgel von 1753 zu folgen. Eine
Kopie des alten Silbermanngehäuses aber, dessen imposante
Reste noch in Karlsruhe-Bulach zu bewundern sind, kam
nicht in Frage.
Erstens war aus pastoralen Gründen eine naturgemäß äußerst
kostspielige Rekonstruktion des prachtvollen
Silbermanngehäuses nicht zu verantworten. Ein sogenannter
"kultureller Auftrag der Kirche" ist für schieren
Ästhetizismus nicht auszumachen.
Zweitens wollte es uns aus organologischen Gründen seltsam
dünken, aus einem Silbermanngehäuse eine
Phantasie-Barockorgel tönen zu hören, denn eine exakte
Silbermann-Rekonstruktion (wie sollte sie wohl aussehen,
nur sie aber würde zum Gehäuse passen) scheint uns für den
heutigen gottesdienstlichen Gebrauch nicht geeignet. Den
gourmethaften Ansprüchen einer nur formale Äußerlichkeiten
rekonstruierenden Denkmalpflege kann und darf eine
Kirchengemeinde ebensowenig willfahren, wie kennerhaften
Vorstellungen vom Kirchenraum als einem Orgelmuseum.
Orgelbau und Orgelmusik sind Werkzeuge eines lebendigen
Gottesdienstes. Wir müssen akzeptieren, daß die
Silbermann-Orgel für Baden-Baden verloren ist.
Eine andere Form aktiver Denkmalpflege schien uns aber
sinnvoll: neun Register der alten Voit-Orgel von 1906
konnten in die neue Rohlf-Orgel übernommen werden.
Ausgehend von der Silbermann-Aufstellung und
Gehäuseproportion und der musikalischen Vorgabe der
Voit-Register, war die Konzeption der neuen Orgel schnell
gefunden. 31 Register verteilen sich auf drei Manuale und
Pedal, eine für die fast kammermusikalisch zu nennenden
akustischen Verhältnisse der Stiftskirche vertretbare
Vorgehensweise.
Das Hauptwerk hinter dem großen Prospekt mit dem
charakteristischen dreifeldrigen Mittelturm bildet mit
seinen 10 Registern den Kern der Orgel. Das Rückgrat
bilden die Prinzipale 8',4',22/3',2' und Mixtur, die, wenn
sie zusammen erklingen, den typischen festlichen Glanz des
vollen Orgelspiels hören lassen. Trompete 8' und Cornet
Sf. bilden das Grand Jeu. Fundament des Werks ist der
Bourdon 16'. Das lyrische Gemshorn 8' nimmt wichtige
Begleitaufgaben wahr und ist im 8' Spiel Vermittler
zwischen Schwellwerk und Rückpositiv. Einen eigenwilligen
Farbtupfer bringt die offene Holzflöte 4' aus Eichenholz.
Der Gegenspieler des Hauptwerks ist das Rückpositiv,im
Rücken des Spielers in die Emporenbrüstung eingefügt,
exakt an dem Platz, an dem das Rückpositiv Silbermanns
stand. Seine prominente Stellung macht fast alle seine
Register zu Solisten. Es hat mit Prinzipal 4', Oktave 2'
und Mixtur (Rohrflöte 8' als Fundament) ein Gegen- und
Ergänzungsplenum zum Hauptwerk. Nasard und Terz sind
Gegenspieler zum Cornet des Hauptwerks. Sie erlauben im
Verbund mit Rohrflöte, Koppelflöte, einer offenen Flöte
mit konischem Aufsatz und Quinte 1113', der Oktavierung
der Quinte des Hauptwerks, zahlreiche Solomischungen. Den
Zungenchor repräsentiert das der Trompete verwandte
Cromorne 8'.
Das Fundament der Orgel ist das Pedalwerk. Wie bei
Silbermann steht es im wieder geöffneten Ttlfmbogen. Trotz
seiner knappen Besetzung hat es im gekoppelten wie
ungekoppelten Spiel eine sehr große Bandbreite
musikalischer Deutlichkeit. Die Bombarde 16' verleiht mit
ihrer vollen Becherlänge der ganzen Orgel die nötige
kraftvolle Präsenz und Großrahmigkeit.
Im außergewöhnlich großen Untergehäuse konnte links und
rechts der Spielanlage noch ein 8' hohes schwellbares
Unterwerk eingebaut werden. Die verdeckte Position erlaubt
hintergründige, lyrische Klangeffekte, die durch die
Jalousien wirkungsvoll in ihrer Dynamik und vokalen
Farbigkeit verändert werden können.
Bourdon 8', die piano-Antwort zur Rohrflöte des
Rückpositivs, und Dulciana 8', der piano-Hintergrund zum
Gernshorn des Hauptwerks, bilden das Fundament. Eine
offene Flöte 4' in Metall ergänzt die reiche Flötenpalette
im 4'-Bereich. Flageolett 2' und Sesquialter erlauben
differenzierte Klangkronen und füllen das Werkchen zum
relativen forte auf. Lyrischer Solist ist hier Hautbois
8'.
Die Reize und die Vielseitigkeit dieses Instruments wird
der wecken können, der den Klang der Orgel, ihre
Aufstellung im Raum und die klanglichen Eigenschaften der
Stiftskirche als Unikate begreift. Dann kann das
Zusammenwirken von Musik, Instrument und Raum zu einem
lebendigen Beitrag der Liturgie werden, so verstanden wird
Kirchenmusik auch klingender Ausdruck des so erfolgreichen
und gewissenhaften Zusammenwirkens aller an diesem
Orgelbau Beteiligten.
Martin Dücker, Erzb. Orgelinspektor
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Disposition der neuen Rohlf-Orgel
in der Stiftskirche
zu Baden-Baden
I. Manual
Rückpositiv
Rohrflöte 8'
Prinzipal 4'
Koppelföte 4'
Nasard 2 2/3'
Oktave 2'
Terz 1 3/5'
Quinte 1 1/3'
Mixtur l' 3f.
Cromorne 8'
Tremulant
II. Manual
Hauptwerk
Bourdon 16' (Voit)
Prinzipal 8'
Gemshorn 8' (Voit)
Oktave 4'
Holzflöte 4'
Quinte 22/3'
Oktave 2'
Mixtur 11/3' 4f.
Cornet 8' 5f. ab c'
Trompete 8'
III. Manual
Schwellwerk
Bourdon 8' (Voit)
Dulciana 8' (Voit)
Flöte 4' (C-h Voit)
Flageolett 2'
Sesquialter 2 2/3' 2f.
Hautbois 8'
Tremulant
Nachtigall
Pedalwerk
Subbaß 16' (Voit)
Oktave 8' (Voit)
Oktave 4' (Voit)
Mixtur 2 2/3' 4f., (Voit)
Bombarde 16'
Trompete 8'
Koppeln
I/P, II/P, III/P, I/II, III/II
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