Die Restaurierung
Der Umbau der Orgel im Sommer 1958 stellte einen erheblichen Eingriff
in die Substanz des spätromantischen Instruments dar. Um den neobarocken
Vorstellungen der sog. „Orgelbewegung“ gerecht zu werden, wurden viele
Pfeifen des Altbestandes aus ihrem Kontext gerissen, um, teils
abgeschnitten, teils im besten Sinne des Wortes „verbogen“ dem neuen
Registerfundus integriert zu werden. Der Einbau eines neuen, dritten
Teilwerks hoch oben unter dem Emporengewölbe und einer (weiteren)
Pedalzusatzlade ließen nicht mehr genug Platz für eine optimale
Aufstellung des Pfeifenwerks von Hauptwerk und Pedal. Wo die
erforderliche Höhe fehlte, wurden Pfeifen durchtrennt und in einem
passenden Winkel neu zusammengefügt (gekröpft). Dies alles wurde
gehalten von einer gewagten Konstruktion, deren Statik bis zum Schluss
höchst fragwürdig war. Soweit der status quo im Juni 2008.
Die Restaurierung der Orgel begann mit der Aushebung der mehr als
3000 Pfeifen. In tagelangem Identifizieren gelang die Zuordnung des
historischen Bestandes zu den Orgelbauern Voit und Schwarz bzw. deren
Lieferanten. Die alten Register konnten zusammengestellt, Totalverluste
festgestellt werden.
Die Balganlage wurde zerlegt, sämtliche Undichtigkeiten beseitigt, die
Bälge und Windkanäle neu beledert und papiert. Später wurde sie nach den
neuen Bedürfnissen anders angeordnet. Zudem sorgen neue Gebläsemaschinen
für den nun höheren historischen Winddruck.
Die statischen Probleme löst ein neues Tragwerk, solide gefügt aus
originaler Substanz und kräftigen Leimbindern. Dieses kommt auf einem
neuen Dielenboden zu stehen, dessen tragende Balken sorgfältig
imprägniert wurden. Das neue Gerüst sorgt für Stabilität im Inneren wie
auch der Schauseite der Orgel und stemmt das Gewicht von Hauptwerk und
Pedal.
Die Restaurierung der Windladen barg Probleme. Die Schwarz-
Laden des Schwellwerks konnten ohne Schwierigkeiten erneuert werden. Bei
den Voit-Laden war das nicht der Fall. Sie wiesen angeborene
Konstruktionsmängel auf und mussten samt
Pfeifen rekonstruiert werden. Alle Windladen wurden komplett mit neuen
Taschen (Bälgchen aus Holz und Leder) bestückt, sämtliche elektrischen
Magnete gegen heutige Produkte ausgetauscht.
Parallel zu diesen Arbeiten wurde in der Orgelbauwerkstatt das
Pfeifenwerk von 1921/25 wiederhergestellt. Wichtigste
Restaurierungsschritte waren: Anhängen der 1958 gekürzten Pfeifen auf
ihr Altes Maß, Rückführung der Kröpfungen, Wiedergewinnung der alten
Aufschnitte an den Pfeifenmündern (Labien), Beseitigung aller
Manipulationen, die den ursprünglichen Klang veränderten, Neuanfertigung
der damals verschwundenen Klangkörper. Sorgfältige Ausreinigung und
Imprägnierung der Holzpfeifen gegen Schädlinge versteht sich von selbst.
Als erste Pfeifenreihe hielt der gewaltige Prospekt (Schaufront)
seinen Einzug in die Kirche. Die großen Zinkpfeifen stehen in altem
Glanz. Dann folgte Register für Register, nach einem halben Jahrhundert
wieder am alten Platz. Die großen Pfeifen im Haupt- und Pedalwerk haben
endlich die Höhe, die der optimalen Klangabstrahlung bisher fehlte. Die
Pedalzusatzlade – quasi eine Barriere in der Klangabstrahlung des
Hauptwerks – ist verschwunden. Das Oberwerk steht nun als Echowerk
mittig im Sockelbereich. So genannte „Pfaffengitter“ gewähren ihm
Klangentfaltung. Hier ist auch der Platz für gutes Pfeifenwerk von 1958,
sofern es sich in den Charakter der Orgel integrieren lässt.
Die zentrale Spielanlage – der Spieltisch – wird renoviert
beibehalten. Jedoch ersetzt digitale Elektronik die Verkabelung des
vergangenen Jahrhunderts. Statt freier Kombinationen ermöglicht nun ein
Rechner eine Überfülle programmierbarer Klangmischungen. Dennoch wurde
der Spieltisch nicht zum Cockpit.
Registerschalter im alten Stil und möglichst wenig Bedienelemente geben
ihm Ruhe und Übersichtlichkeit.
Matz und Luge
Orgelbau